Osteopathie in der Krimiliteratur

Osteopathie in der Krimiliteratur

Fred Vargas- Der verbotene Ort

Schon lange kein Geheimtipp mehr: Fred Vargas- Der verbotene Ort

 

 

 

 

Aus Fred Vargas’ „Der verbotene Ort“- Ein Krimiroman, liebevoll und mit hintergründigen Witz geschrieben. Dem Roman entnommen, beschreibt eine kleine Sequenz die Begegnung des Kommissars Adamsberg mit einem Osteopathen, der auf geheimnisvoller Weise die kleine Katze des Nachbarn Lucio vom Hungerstod “rettet”, indem er das Geburtstrauma der kleinen Katze löst: Die Behandlung des Kiefergelenks.

Lucio erwarte sie, unter dem Schuppendach sitzend, seine große Hand tätschelte das auf seinen Knien liegende Kätzchen, das er in ein feuchtes Handtuch gehüllt hatte.

„Sie wird krepieren“, sagte er mit heiserer, von Tränen verschleierter Stimme, was Adamsberg nicht verstand, so unvorstellbar war es für ihn, dass man sich wegen einer Katze derart aufregen konnte. „Sie kann nicht saugen. Wer ist das?“, fügte er mit Blick auf den Osteopathen unfreundlich hinzu. „Publikum brauchen wir nicht, hombre.“

„Ein Kieferspezialist für Katzen, die nicht saugen können. Mach Platz, Lucio, geh beiseite.Gib die Katze her.“

Lucio kratzte seinen nicht vorhandenen Arm, schließlich gehorchte er misstrauisch. Der Osteopathe setzte sich auf die Bank, umschloss den Kopf des Kätzchens mit seinen dicken Fingern – er hatte riesige Hände für seine Größe, beinahe vergleichbar mit Lucios einziger Hand – und betastete ihn langsam, hier, da und wieder hier. Scharlatan, dachte Adamsberg gereizter, als es angesichts eines kleinen weichen Tierkörpers angemessen gewesen wäre. Dann ging der Osteopathe zum Becken hinab, setzte seine Fingerkuppen auf zwei Punkte. Als würde einen Triller auf dem Klavier spielen, und man hörte ein leises Miauen.

„Sie heißt Charme“, brummte Lucio.

„Wir kriegen den Kiefer schon hin“, sagte der Osteopathe. „Es ist alles in Ordnung, Charme.“

Seine mächtigen Finger die Adamsberg immer gewaltiger erschienen, wie die zehn Arme von Shiva – legten sich um den Kiefer, als nähmen sie das Tier in die Zange.

„Dann wollen wir mal, Charme“, murmelte er und setzte den Daumen hier und den Zeigefinger da an.“ Hast du das System bei der Geburt blockiert? Hat der Kommissar dich verbogen? Oder hast du Angst gehabt? Hab ein paar Minuten Geduld, das kriegen wir hin. So, jetzt ist es gut. Und nun schauen wir uns mal deine ATM an.“

„Was ist das?“, fragte Lucio argwöhnisch.

„Die articulatio temporo- mandibularis, das Kiefergelenk.“

Das Kätzchen ergab sich weich wie Brotteig den Händen des Osteopathen, dann ließ es sich an die Zitzen anlegen.

„So, das haben wir“, sagte er mit besänftigender Stimme. „Das Temporale war rechts caudal und links cranial ausgerichtet. Das konnte zwangsläufig nicht funktionieren, die Läsion blockierte den Saugreflex. Der ist jetzt gelöst. Wir warten ein paar Minuten, um zu sehen, ob alles sich fügt. Ich habe bei der Gelegenheit gleich noch ihr Sacrum und ihr Ilium mobilisiert. Und das alles hat seine Ursache in ihrer etwas sportiven Geburt, machen Sie sich keine Sorgen. Sie wird ein kleiner Draufgänger werden, passen Sie auf sie auf. Überhaupt nicht bösartig, ein freundlicher Charakter.“

„Mache ich, Doktor“, sagte Lucio nunmehr sehr respektvoll, die Augen auf das Kätzchen geheftet, das wie atemlos saugte.

„Und sie wird immer gern fressen. Wegen dieser fünf Tage ohne Milch.“